Philologie als Kulturkritik
02.04.2025
LMU-Philologe Oliver Primavesi erhält Ehrendoktorwürde der Sorbonne.
02.04.2025
LMU-Philologe Oliver Primavesi erhält Ehrendoktorwürde der Sorbonne.
Prof. Dr. Oliver Primavesi | © privat
„Die alten Griechen hatten für alles einen Namen“, erklärt der Philologe Professor Oliver Primavesi, „sie unterschieden verschiedene Aspekte von Zeit, von Erkenntnis, von Natur – und von Liebe.“ Erst ein tiefes Verständnis ihrer differenzierten Begriffe, so Primavesi, erlaube es heutigen Philologen und Philologinnen, die originalen antiken Texte angemessen zu edieren und zu interpretieren – und auf diese Weise unser Bild der denkerischen Leistungen klassischer Autoren auf eine tragfähige Grundlage zu stellen. Solche Ziele verfolgt auch Primavesi selbst, seit April 2000 Inhaber des Lehrstuhls für Griechische Philologie I der LMU. Seit 30 Jahren widmet er sich der Edition und Erklärung einiger der ältesten überlieferten Texte der europäischen Philosophiegeschichte; diese Arbeiten wurden 2007 bis 2014 von der DFG mit dem Leibniz-Preis gefördert.
In Anerkennung seiner Ergebnisse hat ihm die Präsidentin der Pariser Sorbonne Université, Nathalie Drach-Temam, am 25. März in der großen Aula der Sorbonne die Ehrendoktorwürde dieser um 1215 gegründeten, zweitältesten Universität Europas verliehen. Von den insgesamt acht Geehrten war vor Primavesi die polnische Autorin Olga Tokarczuk (Nobelpreis für Literatur 2018) an der Reihe und nach ihm die ukrainische Mathematikerin Maryna Viazovska (Fields-Medaille 2022). In der Begründung von Primavesis Ehrung heißt es, er sei „einer der international renommiertesten Spezialisten für griechische Sprache, antike Texte und antikes Denken insgesamt“: Er habe neu entdeckte Papyrusfragmente verlorener Werke der griechischen Philosophie zum Sprechen gebracht und Text und Erklärung ihrer erhaltenen Werke aufgrund vertiefter Kenntnis der handschriftlichen Überlieferung entscheidend verbessert.
Primavesi selbst fühlt sich durch die Pariser Ehrendoktorwürde in seinem Streben nach einer Philologie bestärkt, „die ihr höchstes Ziel in der Sicherung und Erklärung des originalen Wortlauts großer Texte findet“. Den Texten griechischer Philosophen hat er sich zugewendet, weil überlieferungsgeschichtlich fundierte Editionen hier noch besonders häufig ein Desiderat sind, was die Übersetzungen dieser Werke in neuere Sprachen zu einer oft irreführenden Arbeitsgrundlage macht. Doch woher rührt dieses Desiderat? Einen Grund sieht Primavesi darin, dass das Selbstverständnis der universitären Fächer Latein und Griechisch sich seit 1918 in den Fußstapfen der jüngeren Schwesterfächer (Germanistik, Anglistik, Romanistik) weg von der Philologie im eigentlichen Sinne und in Richtung einer Literatur- und Kulturwissenschaft verlagert hat, die nicht mehr als Mittel zum Zweck der Texterklärung, sondern als Selbstzweck gilt. Anstatt sich in den Dienst der großen Werke einer denkerisch und künstlerisch überragenden Vergangenheit zu stellen, betrachte man klassische Texte zunehmend als Verfügungsmasse für den Versuch, sich selbst in aktuelle theoretische „Diskurse einzuschreiben“. Demgemäß werde die aktive Beherrschung der beiden Alten Sprachen Latein und Griechisch im Studium vielfach nicht mehr in dem Maße gefordert, dessen es schon für eine selbständige Ganzlektüre antiker Werke im Original, erst recht aber für kompetente editorische Entscheidungen bedarf. Damit aber bringe man die Studierenden, so Primavesi, um das Beste, was das philologische Studium früher zu bieten hatte: die Einübung in die Kunst des langsamen und gründlichen Lesens komplexer antiker Originaltexte und damit die Befreiung von unserem „Knirpstum“, d.h. von unserer „Zerfahrenheit und Zerstreuung“ (Jacob Burckhardt). Wenn Friedrich Nietzsche einst beklagte, dass der Geist der Deutschen durch ihr Bier und ihre Zeitung niedergehalten wird –, was, so fragt Primavesi, würde er erst dazu sagen, dass unsere Aufmerksamkeitsspanne inzwischen durch die Sucht, in immer kürzeren Intervallen Mitteilungen über Alltäglichkeiten zu versenden und dafür lobende Rückmeldungen zu empfangen, auf ein Allzeit-Tief herabgedrückt ist? Nietzsche würde wohl urteilen, dass die Heranführung Studierender an das Edieren von Texten der griechischen Philosophie heute eine subversive Form praktizierter Kulturkritik ist.
Und die Digital Humanities? Hier unterscheidet Primavesi nachdrücklich zwischen Schafen und Böcken. Es gebe editionsphilologische Vorhaben, in denen gedruckter Lesetext und vertiefende digitale Dokumentation und Illustration sich in idealer Weise ergänzen (die Toledot Yeshu-Ausgabe von Meerson und Schäfer, das Berner Parzival-Projekt von Michael Stolz). Es gebe aber auch die philologisch weniger ambitionierten Drittmittelakquisiteure, die den besonderen Kredit für alles „Digitale“ lediglich dazu nutzten, auf den „Tod des Autors“ (Roland Barthes) nun auch noch den „Tod des Lesers“ folgen zu lassen, nämlich mittels einer für menschliche Leser unbrauchbaren, digital entgrenzten Informationsflut.
In seiner Forschung hat Primavesi sich auf die beiden griechischen Philosophen konzentriert, die der Editionsphilologie derzeit am dringendsten bedürfen: Empedokles und Aristoteles. Empedokles aus Agrigent (Sizilien) dichtete im 5. Jahrhundert v. Chr. zwei philosophische Epen, Reinigungen und Physika, die erst im Mittelalter verloren gingen und die wir bisher vor allem aus Zitaten bei späteren antiken Autoren kannten. Doch im Fall der Physika sind neuerdings bemerkenswerte Textfunde hinzugekommen. Fragmente einer antiken Papyrusausgabe dieses Gedichts wurden 1990 in der Universitätsbibliothek Straßburg und 2021 im Institut Français d’Archéologie Orientale zu Kairo gefunden. Zwischen 2002 und 2014 kamen die Florentiner Scholien zur zeitlichen Gliederung des von Empedokles angenommenen Kosmischen Zyklus nach pythagoreischen Zahlenverhältnissen hinzu. An der Edition dieser Funde wie an ihrer philosophischen Erklärung war und ist Primavesi maßgeblich beteiligt.
Seine Lieblingspassage in den neu gefundenen Empedoklestexten? „Der Dichter erzählt in eindrucksvollen Versen, wie die Trennung der vier Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer, die letztlich zur Herausbildung von vier konzentrisch umeinander geschichteten und rotierenden Massen führen wird, eine neue Stufe erreicht“, erklärt Primavesi. „Auf der vorhergehenden, nächtlich-dunklen Stufe gab es kugelförmige, geschlechtslose Lebewesen. In dem Augenblick aber, in dem das aufsteigende Feuer das Firmament erreicht, in dem also zum ersten Mal sozusagen die Sonne aufgeht, werden die bisher stummen Kugelwesen von der Macht des Streits in zwei geschlechtlich differenzierte Hälften aufgespalten, und auf diese Spaltung reagieren sie mit einem Schmerzensschrei. Die Geschlechtsliebe ist dann der verzweifelte Versuch, die Spaltung wieder rückgängig zu machen. Ein starkes Bild – viel stärker als seine bisher allein bekannte Parodie in Platons Gastmahl!“
Im Fall des Aristoteles (4. Jahrhundert v. Chr.) hingegen ist die Überlieferungslage durch eine Überfülle von Textzeugen gekennzeichnet: Seine Werke sind uns in über tausend erhaltenen griechischen Handschriften aus dem byzantinischen Mittelalter überliefert. Um die wenigen unabhängigen Überlieferungsträger zu ermitteln, die für eine Edition heranzuziehen sind, müssen alle Handschriften ausgewertet werden: „Auch eine ganz späte Handschrift, die etwa kurz vor der türkischen Invasion der griechischen Hauptstadt Konstantinopel (1453) geschrieben wurde, kann unmittelbar auf eine heute nicht mehr erhaltene Vorlage aus dem 9. Jahrhundert zurückgehen und damit eine spätantike Textform bewahren!“, betont Primavesi. Aber einen Katalog der Aristoteles-Handschriften gebe es erst seit 1963, und ihre Auswertung stecke bei den meisten Werken noch in den Kinderschuhen. Deshalb hat Primavesi die Mittel seines Leibniz-Preises zur Bildung eines Handschriften-Forschungsteams verwendet, das in den Jahren 2008 bis 2014 am Berliner Aristoteles-Archiv, welches über Mikrofilme aller Aristoteles-Handschriften verfügt, vollständige Kollationen der Handschriften zweier wichtiger Aristotelischer Werke erarbeitet hat: De motu animalium („Über die Selbstbewegung von Lebewesen“) und Metaphysik. Die Analyse des so gewonnenen Lesartenmaterials veranlasste Primavesi dazu, zwei De motu-Codices am Original zu untersuchen – einen in der Berliner Staatsbibliothek und einen in der Universitätsbibliothek Erlangen –, die sich dann als Vertreter eines neuen Überlieferungszweigs erwiesen, welcher der gesamten bisher bekannten Überlieferung gleichrangig gegenübersteht. Demgemäß fand Primavesis 2018 publizierte Neuedition von De motu international viel Beachtung. Nun bleibt das noch große Langzeitprojekt zu vollenden: Eine Neuausgabe sämtlicher 14 Bücher der Aristotelischen Metaphysik, an der Primavesi seit 2017 gemeinsam mit Marwan Rashed (Sorbonne) arbeitet und zu der erstmals alle unabhängigen griechischen Handschriften und die mittelalterlichen arabischen und lateinischen Übersetzungen herangezogen werden. „Diese Edition“, erklärt Primavesi abschließend, „soll ein neues Bewusstsein für die Tatsache schaffen, dass die Metaphysik des Aristoteles das Schlüsselwerk der gemeinsamen philosophischen Überlieferung der arabischen wie der westlichen Kultur ist.“